Vom einen Bad in der Menge ins nächste - so macht Radsport Spaß. Nach dem Freudenfest für den deutschen Radsport bei "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" werde ich morgen die nächste Möglichkeit wahrnehmen, mich dem deutschen Publikum hautnah zu zeigen. Beim Steherrennen im Erfurter Andreasried bin ich Gast und werde ein paar Autogramme schreiben. Diese Termine mit engem Fankontakt sind wichtig für mich und meine Motivation.
Gerne hätte ich den Fans gestern auch mit einer vorderen Platzierung etwas für ihre Begeisterung zurückgegeben, aber es hat nicht sollen sein. Ich habe meine Chance gesucht, beim dritten Mal über den Mammolshainer angegriffen, wurde aber unter anderem von der sehr stark und clever fahrenden Mannschaft Argos Shimano wieder gestellt.
Leider konnte ich beim vierten Mal über den Mammolshainer bei der Attacke von Moser, Pozzovivo und Spilak nicht mitgehen. Ich hatte mich noch nicht genug von meiner Attacke erholt. Es lagen nur 13 Kilometer zwischen den beiden Überquerungen. Und wer mich kennt, weiß, dass ich keine Show-Attacken fahre und 100 Prozent reinlege, um eine Entscheidung herbeizuführen. Somit muss ich mir auch nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht.
Das innerdeutsche Duell mit John Degenkolb hat mir dennoch viel Spaß gemacht und ich denke, dem Publikum haben wir ein spannendes Rennen geboten. Auch wenn wir am Ende nur noch Pozzovivo stellen konnten und es keinen deutschen Sieg gab, war das ein gute Werbung für den Radsport in Deutschland. Die Atmosphäre war großartig. Es ist auch für uns Sportler, die sonst überall auf der Welt unterwegs sind, immer etwas ganz Besonderes, auf heimischem Boden zu fahren. Man saugt dann die ganze positive Stimmung auf und speichert sie als Motivation für die kommenden Aufgaben.
Wie man auf dem Bild sieht, hatte ich ein Maskottchen von der Stiftung Bärenherz am Lenker. Als Botschafter habe ich mich so an einer Benefizaktion des Kinderhospizes beteiligt. Schon am Dienstag hatte ich Bärenherz mit dem Hessischen Rundfunk einen Besuch abgestattet. Vom Hospiz sind wir zum Mammolshainer Berg aufgebrochen. Für mich war es wieder eine Herzensangelegenheit, vorbeizuschauen und mich einzubringen.
Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch habe ich heute das Abschlusszeitfahren der Tour de Romandie gewonnen. Nach dem taktischen Fehler gestern, durch den ich alle Chancen auf die Gesamtwertung begraben musste, tat der Sieg natürlich gut. Insgesamt war es dennoch eine gute Rundfahrt für uns.
Die Etappe kann ich eindeutig unter der Überschrift "Verzockt" zusammenfassen. Die Abfahrt vom Pas de Morgins, so etwa 45 Kilometer vor dem Ziel, bin ich zügig runter, hatte dann ein Loch und bin einfach voll weiter gefahren. Ich dachte mir, so kann ich der nervösen Phase vor und in dem letzten Anstieg entgehen und fahre dann mit den Favoriten weiter.
Zwei Siege haben wir bei der Romandie bereits auf der Habenseite. Das gibt uns natürlich viel Vertrauen. Gianni Meersman war in den beiden Sprints bisher nicht zu schlagen. Seine Form ist gut und wir als Mannschaft wussten natürlich, dass er auf anspruchsvollen Etappen, die nicht reine Flachetappen sind, der Schnellste von den Fahrern ist, die übrig bleiben. Deshalb ist unsere Taktik klar auf ihn ausgerichtet.
Durch ein taktisches Fehlverhalten von mir war heute leider kein besseres Ergebnis möglich. Ich habe am Anfang auf der Flachen zu viel investiert, war ein bisschen übermotiviert und bin übersäuert in den Anstieg gefahren. Ich bin mehr ins Ziel gerobbt als alles andere. Das hatte nichts mit einem kraftvollen Tritt zu tun.